St. Pauli Code

Die Erwartung an die Planung der neuen Esso-Häuser ist hoch: Wie lässt sich in einem Neubau das fortsetzen, was St. Pauli speziell macht?

Der Auslobung des städtebaulichen Wettbewerbs geht ein breiter und tiefer, öffentlicher und partizipativer Planungsprozess voraus. Im Auftrag des Bezirks Hamburg-Mitte hat die
PlanBude gemeinsam mit der Bevölkerung unter Einsatz künstlerischer und planerischer Mittel intensiv daran gearbeitet, den „St. Pauli Code“ zu knacken. Über 2000 Beiträge sind
entstanden.

Die Bilder stammen aus dem PlanBude-Fotografie-Workshop „Knack den St. Pauli Code“, die Kommentare auf den Bildern sind Zitate aus der Unterhaltung im Workshop.

St. Pauli Code:

1. Unterschiedlichkeit statt Homogenität

St. Pauli ist ein Quartier, das sich durch unterschiedliche Lebensentwürfe, kulturelle Hintergründe, Gender-
Orientierungen oder erotische Vorlieben, die vom Mainstream abweichen, auszeichnet. Dies tritt häufig auch
sehr deutlich, symbolhaft und drastisch hervor, bestimmt Straßenzüge, Lokale und Fassaden – ganz anders
als in der sonst diskret auftretenden Hansestadt.

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2. Kleinteiligkeit

Kleinteiligkeit ermöglicht, dass solche unterschiedlichen Läden, Lokale und Begegnungsräume entstehen und
trotz Widersprüchlichkeit dicht nebeneinander liegen, sich stapeln und miteinander kommunizieren.

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3. Günstig statt teuer

Bis vor kurzem war St. Pauli der ärmste Stadtteil im Westen der Bundesrepublik. St. Pauli ist immer noch
einer der ganz wenigen Stadtteile Hamburgs, wo sich unterschiedlichste Klassen begegnen – weil auch die
Leute mit weniger Geld hier ausgehen – und wohnen. Auch die kulturelle Vielfalt konnte hier aufgrund günstiger
Mieten für Läden und Wohnungen entstehen, durch die rasant steigenden Mieten ist dieses Gleichgewicht
gefährdet. Das Viertel hat dadurch nicht nur Bewohner_innen verloren, sondern auch an Originalität.

4. Originalität und Toleranz

Persönlich geprägte Läden, hier Gewachsenes, Originales soll in die neuen Gebäude zurückkehren. Das gleiche
gilt für die ehemaligen Mieter_innen der Wohnungen, wie auch für Leute, die aus St. Pauli verdrängt werden.
Genau das was die Reeperbahn und den Kiez einst auszeichnete, verschwindet heute zusehends. Die
Abweichung wird trivialisiert aufgeführt, aber seltener gelebt als früher.

5. Aneignung und Lebendigkeit

Gefragt sind schmuddeliger Glamour und Lebendigkeit: Angeeignete, plakatierte oder getaggte Wände, ein
durch die Praxis der Bewohner_innen und Ladenbesitzer_innen geprägter Außenauftritt – statt designter
Hochglanzfassaden. Die bisherige Investorenarchitektur der letzten 10 – 20 Jahre hat es nicht geschafft, dass
„St. Pauli“ sich in diesen Gebäuden fortsetzt. Gefragt ist deswegen kein Retortendesign – sondern lebendiger
Ausdruck.

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6. Experiment und Subkultur

Die Reeperbahn kriegt schlechte Noten von den St. Paulianer_innen – zu vorformatiert, überraschungslos und
eingeschränkt ist das Vergnügen. Direkt an der Reeperbahn fehlen Orte, an denen Kultur nicht nur aufgeführt
– sondern neu erfunden wird. Experimente, Subkultur und Kulturproduktion statt einer vorgefertigten
Trivialkultur sind gewünscht.

 

7. Freiraum ohne Konsumzwang

Neben diesen Experimenten werden auch öffentliche Orte gefordert, die zu Orten des Gemeinsamen, der
Begegnung, des Austauschs und der Interaktion werden können ohne dass diese durch Konsumzwang
eingeschränkt werden. Orte, an denen nichts „geboten“ wird außer hohe Aufenthaltsqualität und eine
anregende Umgebung sowohl für die Nachbarschaft wie auch die Besucher_innen.