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St. Pauli Code in der Süddeutschen Zeitung

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Foto: Margit Czenki für PlanBude
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Entstanden ist das Regelwerk im Rahmen der sogenannten Plan Bude (…) Der aus 2000 Beiträgen destillierte „St.-Pauli-Code“ formuliert nun durchaus exemplarisch Grundsätze, die nicht nur für die Neubebauung des Areals, sondern für die Zukunft des Stadtteils gelten mögen. Das Recht auf Differenz, das in St. Pauli seit jeher gelebt und verteidigt wird, konzentriert der Code in sieben Thesen, die deswegen so gut zu verstehen sind, weil sie von den größten Stadtplanungsexperten vor Ort stammen: den Bewohnern selbst. (…) Aber im Kern sind alle Punkte dieses Codes für innerstädtische Quartiere anwendbar, deren Bewohner den Charakter ihres Viertels vor der Monotonie zeitgenössischer Neubaukultur bewahren wollen.

Kleinteilige Strukturen und architektonische Vielfalt erklärt der Code zur Voraussetzungen für die Unverwechselbarkeit von Nachbarschaften ebenso wie bezahlbare Mieten zur Bedingung einer gesunden sozialen Mischung – was einen als Argument vielleicht nicht überrascht, aber leider fast nirgends praktisch umgesetzt wird. Auch Vorrang für eigentümergeführtes Gewerbe sowie attraktive öffentliche Räume ohne Konsumzwang sind Forderungen, die vermutlich genauso den Wünschen von Menschen in München, Köln, Frankfurt oder Leipzig entsprechen. Die Rückkehr zu den Qualitäten der alten Stadt mit ihren persönlichen Bauherren, schmalen Parzellen und individuellen Adressen, zu einem Gefüge aus Parks, Nachbarschaften und individuellem Gewerbe lässt sich von sturen Modernisten zwar als Nostalgie verspotten. Aber zumindest im Fall des Esso-Areals ist die gelebte Erfahrung der Nutzer jetzt verpflichtende Planungsgrundlage. Das war das Ergebnis eines langen Ringens zwischen dem Besitzer, der Bayrischen Hausbau, mit der Stadt und der Bewohner-Initiative, welches schließlich mit einem Kompromiss endete, den sogar der Investor „sau-gut“ fand.

Der Bauherr darf zweieinhalb Mal so viel Volumen bauen, wie hier vorher stand, aber die Wohnungen müssen kostengünstig sein. Und die Erdgeschosszone wird ausschließlich von St.-Pauli-typischen Nutzern bespielt. Die ersten städtebaulichen Vorschläge, die kürzlich in einer Werkstatt mit den Bewohnern des Viertels diskutiert wurden – unter anderem von Lacaton & Vassal aus Paris, NL Architekten aus Amsterdam, Feld 72 aus Wien und Blauraum aus Hamburg – zeigten zwar überwiegend noch sehr modernistische Großformansätze. Aber das Planen mit Wunschproduktion muss auch erst mal eingeübt werden.