PlanBude – Intro – D

Die PlanBude ist ein trans-disziplinäres Team aus den Feldern Kunst, Architektur, Urbanistik, sozialer Stadtteilarbeit, Musik und Kulturwissenschaft. Die PlanBude wurde 2014 aus einer unabhängigen Stadtteilversammlung „St. Pauli selber machen“ im Ballsaal des FC St. Pauli heraus gegründet, um die Wunschproduktion für die neuen Esso-Häuser zu organisieren – und damit einen neuen Ansatz zu entwickeln, wie Stadt anders geplant und gebaut werden kann und muss. Der Großteil des 6-köpfigen Teams lebt auf St. Pauli. (Ein ausführliches Konzept finden Sie hier.) Die PlanBude arbeitet jetzt im Auftrag des bezirklichen Baudezernats. In einem einzigartigen Planungsprozess öffnete die PlanBude ihre Türen direkt am Bauplatz, im Herzen St. Paulis, direkt an Reeperbahn und Spielbudenplatz. Die PlanBude hat innovative innovative Planungs-Tools erfunden, die es allen möglich machen, komplexe Beiträge zum Planungsprozess zu liefern. 2.300 Wünsche und Entwürfe entstanden in einem ergebnisoffenen Prozess. Schließlich haben Politik, Planungsbehörden und die privaten Eigentümer des Geländes, die Bayerische Hausbau, akzeptiert, den von Nachbar*innen im PlanBude-Prozess entwickelten St. Pauli Code zur Grundlage des Architekturwettbewerbs und der Bebauung zu machen. Die PlanBude arbeitet derzeit an der Realisierung des “St. Pauli Codes” mit den Gewinner-Teams NL Architects (Amsterdam), BeL (Köln), IFAU/Jesko Fezer (Berlin), Lacaton & Vassal (Paris) und feld72 (Wien).

 

_DSC1713 Kopie

 

Der Gründung der PlanBude ging eine jahrelange Auseinandersetzung um den Erhalt der Häuser vorraus, die besonders die in der Initiative Esso-Häuser organisierten Mieter*innen und Nachbar*innen führten.

AnlageB4_31

Eingebettet in die Diskussionen um das Recht auf Stadt entstand nach der Evakuierung der Häuser im Dezember 2013 die Notwendigkeit, eine unabhängige Plattform zu entwickeln, die die Neuplanung der Häuser in die Hände nimmt. Anders als in vielen Beteiligungsverfahren, hat die PlanBude sich ihre Unabhängigkeit vertraglich zusichern lassen.

Befeuert von den im Stadtteil bereits vorhandenen Erfahrungen mit selbstorganisierten Planungsverfahren, hat das Team eine breite Palette an Zugängen zum Planungsprozess entwickelt: Von Haustürgesprächen und flächendeckend verteilten Fragebögen in fünf Sprachen, zum vor Ort installierten Planungscontainer, bis zu anregenden, künstlerischen und anspruchsvollen Tools wie das Knetmodell (M 1:500), das Legomodell (M 1:150), Nachtkarten, Lesungen und Workshops in den umliegenden Kneipen, Lokalen, sozialen Einrichtungen und Kaschemmen.

AnlageB4_43

Der ergebnisoffene Planungsprozess startete im Oktober 2014. Der Bezirk Hamburg-Mitte beauftragte die PlanBude damit, die Beteiligung an der Neubebauung des Esso-Häuser Areals im Hamburger Stadtteil St. Pauli zu organisieren. Begleitet wird das gesamte Planungsverfahren bis zur Fertigstellung durch den Projektrat, in dem Vertreter der Initiativen, der Parteien, der Bezirk und die Eigentümerin vertreten sind. Das PlanBude Team konzipierte innovative Planungsmethoden und Beteiligungsformate, um eine breite Partizipation zu gewährleisten. Denn diejenigen, die tagtäglich durch die Straßen ihres Viertels laufen, wissen am besten, woran es mangelt, was verloren zu gehen droht – und was in Zukunft gebraucht wird. Dabei setzt die PlanBude auf das lokale Wissen und den Erfindungsreichtum des Alltags.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Zu den PlanBude tools gehört ein Lego-Modell im Maßstab 1:150 (2 Steine = ein ca 2,70 hohes Wohngeschoss, 3 Steine = ein ca 4,10 hohes Geschäftsgeschoss), die Nachtkarte (Zeichne mit Lackstiften die Fassade zur Reeperbahn im Jahr 2020), ein von Kinder und ein von Jugendlichen Planbuddies entwickelter Fragebogen für diese Altersgruppen, drehbare Bögen in Englisch, Türkisch, Russisch, Spanisch, Französisch (die deutsche Fassung ging an alle Haushalte St. Paulis), das Knetmodell im Maßstab 1:500 (1,3 KG = ca 24.000 qm Bruttogeschossfläche oberirdisch). Die PlanBude steht mit ihren zwei Glasfronten und der Terrasse bis heute im Alltagsleben der Anrainer*innen, direkt am Grundstück, an der Reeperbahn.

AnlageB4_83

AnlageB4_44

Taktische Möbel verwandelten die Straße zeitweilig in ein öffentliches Planungsbüro, Workshops und eine Tour im Huckepack des buy buy St. Pauli Films über die Esso-Häuser waren als Seminare zu Gast in Kneipen wie Silbersack, Kogge, Herz St. Pauli, Tippel II, Molotow und Holsten-Schwemme.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Über 2300 Beiträge sind in der PlanBude eingegangen. Die PlanBude hat alle Ideen, Zeichnungen und Modelle archiviert, ausgewertet, interpretiert und übersetzt: In funktionale, soziale und bauliche Ansprüche an den Neubau. Diese präzise übersetzten Ergebnisse wurden in zwei Stadtteilkonferenzen vorgestellt, diskutiert und überarbeitet.

Auf dieser Basis wurde zwischen PlanBude, Bezirk und Eigentümer Bayerische Hausbau ein Eckpunkte-Papier verhandelt und der gemeinsame Auslobungstext für den Neubau formuliert. Damit sind die Ergebnisse des PlanBude-Prozesses die Grundlage für den hochbaulichen und den folgenden Architekten-Wettbewerb.

Die Ergebnisse:

  • Keine Eigentumswohnungen,
  • rund 40% Mietwohnungen frei finanziert,
  • rund 60% staatlich gefördert, davon ein guter Teil als Wohnprojekt für eine Baugruppe,
  • 2.500 qm „Subkultur und Innovationscluster“ für Molotow, Kogge, FabLab, Stadtteilkantine u.v.m.,
  • interessante Dachnutzungen, teils für die Öffentlichkeit (Stadtbalkon zur Reeperbahn, Basketball oder street-Fussball, Skateboardbahn, Kletterwand auf dem Dach, Spielplatz und Erholungsflächen für Mieter*innen auf dem Dach).

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Doch damit nicht genug: Aus der Essenz aller Beiträge ist der St. Pauli Code entstanden. Sieben Punkte, die die Qualitäten und das Lebensgefühl rund um die Reeperbahn beschreiben und auch der zukünftigen Stadtentwicklung die Richtung weisen sollen. Das lokale Wissen hat damit das Fundament gelegt, auf dem ein neues Stück St. Pauli wachsen kann.

Der städtebauliche Wettbewerb wurde im September 2015 von einer 17-köpfigen Jury entschieden. Das Votum war eindeutig: Einstimmig wurde der Entwurf der Architektenbüros NL (Amsterdam) und BeL (Köln) zum Sieger ernannt. NL und BeL haben die Wünsche, Anregungen und Ideen des Stadtteils raffiniert und liebevoll in einen konzeptuell geschliffenen Entwurf umgesetzt. Das Wagnis hat sich gelohnt, das Ergebnis bestätigt die Qualitäten des experimentellen Prozesses.

NL_modell

Der Städtebau-Gewinner-Entwurf von NL (Amsterdam) und BeL (Köln).

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Gläserne Werkstatt – mitten im Architekturwettbewerb diskutierten die Architekturbüros mit Nachbar*innen im Ballsaal des FC St. Pauli über ihre Planungs-Zwischenstände.

034-reeper-geaendert

009_dachdetail-geaendert

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

planbude_bauhaus „Kann Gestaltung die Welt verändern?“ die PlanBude in 14 Minuten erklärt auf dem Symposium des Projekt Bauhaus im Haus der Kulturen der Welt, September 2015. Video unter: https://youtu.be/G98MF2lz1vM?t=10m40s

Die ungewöhnlichen Herangehesweisen der PlanBude zeigt ein neue Rollenmodell an: Kunst, Architektur, Planung und Soziale Arbeit, die sich in enger Zusammenarbeit inhaltlich, nachbarschaftlich und politisch positioniert und so die Grundlage und Methodik entwickeln, damit das Wissen der Vielen die Stadt gestalten kann. Dabei unterscheiden sich die von der PlanBude ermittelten Ergebnisse stark von dem, was in der Politik befürchtet wurde: Hohe Dichte wurde akzeptiert, wenn dafür langfristig abgesicherter Wohnraum im Zentrum entsteht; keine monolithischer Block, sondern lieber ein paar hohe Häuser und dafür mehr Varianz; wenn die Dichte so hoch ist, sollte es zum Ausgleich benutzbare Dächer, Dachlandschaften geben, die unterschiedlich nutzbar sind; ein zugänglicher, für alle benutzbarer urbaner Sockel voller Läden, Einrichtungen und mit subkulturellem oder sozialem „Mehrwert“ für das Viertel; Orte zum „St. Pauli selber machen“.

 

 

 

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Adresse:

Spielbudenplatz / Ecke Taubenstrasse, 20359 Hamburg-St. Pauli

Mail:

office@planbude.de

Introduction in English